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Zu viele KI-Tools, keine Priorität: So findet der Mittelstand Fokus
Strategie29.4.2026

Zu viele KI-Tools, keine Priorität: So findet der Mittelstand Fokus

MH

Marius Huinink

Autor

In vielen Unternehmen läuft KI längst. Das Marketing schreibt Texte mit ChatGPT. Die Entwicklung nutzt Copilot. Jemand im Vertrieb testet ein Tool für Angebote, das niemand freigegeben hat. Jede Abteilung hat ihren eigenen Zugang, ihr eigenes Budget und ihre eigene Vorstellung davon, was KI leisten soll.

Das Ergebnis ist Streuung. Viele KI-Tools im Mittelstand, aber keine gemeinsame Priorität. Wer den Überblick behalten will, fragt zuerst nicht nach dem nächsten Tool, sondern nach der Reihenfolge.

Dieser Artikel zeigt, warum KI-Tools ohne Plan wachsen, was der Wildwuchs konkret kostet, und wie Sie Prioritäten setzen, die halten. Sie bekommen drei Prüffragen, eine Vorgehensweise zum Aufräumen und eine Liste der häufigsten Fehler.

Warum sich KI-Tools ohne Plan vermehren

Die Einstiegshürde ist niedrig. Ein Tool kostet 20 Euro im Monat, ist in fünf Minuten startklar und löst sofort ein konkretes Problem in einem Team. Genau das macht den Wildwuchs so leicht.

Drei Treiber wirken zusammen:

  1. Selbstbedienung. Jeder kann ein KI-Tool per Kreditkarte abonnieren, ohne IT, ohne Freigabe. Die klassische Beschaffung wird umgangen.
  2. Abteilungsdenken. Jedes Team optimiert für sich. Das ist im Kleinen sinnvoll, erzeugt aber Insellösungen, die niemand zusammenführt.
  3. Tempo-Druck. „Wir müssen etwas mit KI machen" führt zu vielen kleinen Starts statt zu einer Entscheidung, womit man anfängt.

Es fehlt die Stelle, die das Gesamtbild verantwortet. Niemand sieht, wo Tools sich überschneiden, wo Daten abfließen und wo zwei Teams dasselbe Problem doppelt lösen. Nach einigen Monaten steht im Unternehmen ein Dutzend Insellösungen, deren Nutzen niemand benennen kann.

Was Tool-Wildwuchs konkret kostet

Der Schaden bleibt lange unsichtbar, weil die einzelnen Beträge klein sind. In Summe entstehen vier Kostenblöcke.

Geld. Viele kleine Abos summieren sich. Dazu kommen Doppelungen: zwei Abteilungen zahlen für Werkzeuge, die dasselbe können. Ohne Übersicht zahlt das Unternehmen für Funktionen mehrfach.

Datenrisiko und Schatten-KI. Werden Kundendaten oder interne Dokumente in nicht freigegebene Tools gegeben, entsteht ein Datenschutzproblem, das oft erst beim Vorfall auffällt. „Schatten-KI" heißt: KI-Nutzung, von der die Leitung nichts weiß.

Compliance. Der EU AI Act stellt Anforderungen, abhängig vom Einsatzzweck eines Systems. Wer nicht weiß, welche KI-Anwendungen im Haus laufen, kann seine Pflichten nicht erfüllen. Ein Inventar ist die Voraussetzung für jede Bewertung.

Fehlende Wirkung. Ohne Ziel und ohne Verantwortlichen misst niemand den Beitrag. Auf die Frage, was KI im letzten Quartal gebracht hat, gibt es dann keine belastbare Antwort, nur Aktivität.

Was fehlt, ist eine Betriebslogik für KI

Tool-Chaos ist selten ein Tool-Problem. Es fehlt der Rahmen, in dem Tools überhaupt eingeordnet werden.

KI-Transformation braucht diesen Rahmen. Bei 6Rocks beschreiben ihn sechs Grundpfeiler, die jede KI-Strategie tragen: Vision, Governance, Organisation, Daten, Technologie und Iteration. Erst stehen Ziel, Verantwortung und Datenbasis. Die Tool-Auswahl gehört zur Säule Technologie und kommt danach.

Diese Reihenfolge klingt unspektakulär. Sie entscheidet aber darüber, ob KI auf ein Geschäftsziel einzahlt oder als Sammlung von Einzelversuchen verpufft. Ein Tool ohne Zuständigkeit und ohne klares Ziel produziert Aktivität, keinen messbaren Beitrag.

Drei Fragen vor jedem neuen KI-Tool

Bevor ein weiteres Tool ins Haus kommt, beantworten Sie drei Fragen.

1. Welches Geschäftsproblem löst es? Nicht „es spart Zeit", sondern konkret: welcher Prozess, welche Abteilung, welcher messbare Effekt. Wenn die Antwort vage bleibt, fehlt der Use Case.

2. Wer verantwortet Einsatz und Daten? Eine Person mit Namen. Sie entscheidet über die Freigabe, prüft die Datenflüsse und ist Ansprechpartner bei Fragen. Ohne Namen gibt es keine Verantwortung.

3. Passt es zur Strategie und zum vorhandenen Bestand? Gibt es schon ein Tool für diesen Zweck? Überschneidet es sich mit dem eines anderen Teams? Zahlt es auf ein Ziel ein, das in diesem Jahr zählt?

Wer diese drei Fragen nicht klar beantworten kann, hat noch keinen Use Case, sondern eine Idee. Das ist in Ordnung, gehört aber auf eine Liste, nicht sofort ins Budget.

Ein Beispiel aus der Praxis

So sieht der typische Verlauf aus, wie er uns in Gesprächen immer wieder begegnet. Ein Mittelständler mit rund 120 Mitarbeitern stellt fest: In drei Abteilungen laufen sieben verschiedene KI-Tools, niemand hat den Überblick, und die Geschäftsführung kann den Nutzen nicht beziffern.

Der erste Schritt ist eine Bestandsaufnahme. Die Liste zeigt: zwei Tools machen praktisch dasselbe, ein drittes verarbeitet Kundendaten ohne Freigabe. Danach werden die Anwendungen nach Wirkung und Aufwand sortiert. Zwei zahlen klar auf ein Geschäftsziel ein, etwa schnellere Angebote. Sie bekommen einen Verantwortlichen und ein Budget. Der Rest wird zusammengeführt oder beendet.

Das Ergebnis ist kein größerer Tool-Park, sondern ein kleinerer mit klarer Zuständigkeit. Die Wirkung wird messbar, das Datenrisiko sinkt, und neue Tools laufen ab jetzt durch ein Freigabe-Gate.

So bündeln Sie bestehende Initiativen

Wenn die Tools bereits da sind, beginnen Sie mit einer Bestandsaufnahme.

Listen Sie alle KI-Anwendungen auf: Tool, Abteilung, Zweck, Kosten und welche Daten hineinfließen. Eine einfache Tabelle reicht. Schon dieser Schritt deckt Doppelungen und offene Datenrisiken auf.

Danach priorisieren Sie nach Wirkung und Aufwand. Welche zwei oder drei Anwendungen zahlen am stärksten auf ein Geschäftsziel ein? Diese bekommen Verantwortung, Budget und Aufmerksamkeit. Der Rest wird zusammengeführt, pausiert oder bewusst beendet.

Zum Schluss richten Sie ein Freigabe-Gate ein: Neue Tools kommen erst ins Budget, wenn die drei Prüffragen beantwortet sind. Eine benannte Person entscheidet. So bleibt die Liste kurz und steuerbar.

Am Ende steht eine klare Reihenfolge, nicht ein Katalog mit allem gleichzeitig. Fokus heißt, einige Dinge bewusst später zu machen.

Häufige Fehler

  • Tool zuerst, Ziel später. Das Werkzeug wird gekauft, bevor klar ist, welches Problem es löst.
  • Keine Ownership. Niemand ist namentlich verantwortlich, also prüft niemand Nutzen und Datenflüsse.
  • Kundendaten in nicht freigegebene Tools. Das größte und häufigste Datenrisiko.
  • Alles gleichzeitig. Zehn Initiativen parallel, keine davon mit voller Aufmerksamkeit.
  • Wirkung nie gemessen. Ohne Ziel lässt sich der Beitrag nicht belegen, das Budget bleibt angreifbar.

Was Sie konkret tun sollten

  1. Diese Woche: Erstellen Sie eine Liste aller KI-Tools im Einsatz, inklusive Abteilung, Zweck und Kosten.
  2. Nächste Woche: Markieren Sie für jedes Tool, welches Geschäftsproblem es löst und wer es verantwortet. Was offen bleibt, ist ein Kandidat zum Streichen.
  3. Danach: Wählen Sie die zwei bis drei Anwendungen mit dem größten Beitrag und geben Sie ihnen klare Ownership.
  4. Laufend: Führen Sie ein Freigabe-Gate ein. Neue Tools kommen erst nach den drei Fragen ins Budget.

Leitfragen für die Runde mit Ihrem Team: Wo fließen unsere Daten hin? Welches Ziel verfolgen wir mit KI in diesem Jahr? Und welche drei Initiativen bringen uns dem am nächsten?

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